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Das Forum der Probleme
Geschrieben von: Stefan Zitzmann   
Freitag, den 03. Dezember 2010 um 16:03 Uhr

Das von OB Hoffmann kurzfristig initiierte "Vermittlungsforum" (wir werden sehen, WAS wir vermittelt bekommen) lässt die wichtigsten Fragen außen vor.

• Warum hat der OB Hoffmann die Verhandlungen zum „Museumscoup“ (DA Echo 1. Juli 2010) mit dem Stifter Sander hinter verschlossenen Türen getätigt? Zitat OB Hoffmann: „Dass alle Verhandlungen mit dem Ehepaar Sander unter der Decke geblieben sind, macht mich richtig stolz.“ (Darmstädter Echo vom 25. 7. 2009)

• Welche Rolle spielt dabei der Denkmalpfleger Nikolaus Heiss?

• Warum ist der Erbbauvertrag geheim, mit dem die Stadt dem Stifterpaar das Grundstück bereits überschrieben hat? Wie lautet er konkret? Welche Bindungen und Verpflichtungen (von denen keiner wissen darf) haben hier die Stadt beziehungsweise der OB Hoffmann bereits geschaffen?

• Und warum ist der zugehörige Stiftungs-GmbH-Vertrag mit dem Stifterpaar Sander ebenso Geheimsache? Inwieweit haben die Stifter in ihrem Privatmuseum freie Entscheidungsspielräume (vorzeitiger Verkauf der gestifteten Bilder, Vermietung des Museums etc.), die den Interessen der Bürger von Darmstadt entgegenstehen?

Der sehr wohltuende freie Blick vom Alexandraweg zur Russischen Kapelle, zum Schwanentempel und zum Hochzeitsturm mit den Ausstellungshallen würde durch den kubischen Neubau versperrt werden. Hier von einer „Baulücke“ zu sprechen, ist an den Haaren herbeigezogen. Max Bächer, emeritierter Architekturprofessor der Technischen Hochschule DA kommentiert das Baulückenargument der städtischen Denkmalpflege (Nikolaus Heiss) so: "Nach einer Baulücke habe ich vergeblich gesucht" (Echo Online 15.Juli 2010).

• Wie kann der geplante Museumsneubau, der in dem Jugendstilensemble einen krassen Fremdkörper darstellt, mit den Denkmalpflegebestimmungen vereinbar sein? Dazu sagt Regina Stephan, Professorin für Architekturgeschichte an der Fachhochschule Mainz und Kuratorin der vor kurzem beendeten Olbrich-Ausstellung im Institut Mathildenhöhe: "Betrachten wir das Ergebnis des einjährigen Bemühens nüchtern, am Ensemble orientiert, so bemerken wir: Die problematische Aufgabe ist offenbar denkmalgerecht nicht zu lösen. ... Die einzig richtige Konsequenz ist allerdings, die Arbeiten in der Kategorie "unrealisierte Wettbewerbe" abzulegen, ein Schicksal, das viele andere Wettbewerbe schon ereilte." (echo online 15.Juli 2010)

• Grundsätzlich: Darf der Ort, an dem die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Villa Rosen von Hans Christiansen stand, des Jugendstilkünstlers und 1. Gründungsmitgliedes der Künstlerkolonie Mathildenhöhe, überhaupt neu bebaut werden? Frank Oppermann, Professor für Denkmalpflege und Baugeschichte am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt, Mitglied im Denkmalbeirat des Landes Hessen, der Stadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg listet mehrere Argumente gegen die Neubebauung auf: Für Oppermann muss jeder Neubau an dieser Stelle („gleich welcher Art“) stören. Zudem widerspricht der Neubau Olbrichs Ideen. Auch nimmt der Bau des Gewinnerentwurfs kein Element der zerstörten Architektur auf. Der Wettbewerb habe darüber hinaus keine architektonischen Innovationen erbracht, sondern vielmehr gezeigt, dass "ein funktionales Museum eine bestimmte Größe haben muß, die aber hier nicht zu realisieren ist," ohne für das geplante Museum zwei Tiefgeschosse in den Hang zu graben.

Architektonisch-künstlerische Gestaltung des geplanten Museumsneubaus: Während die Befürworter von dem preisgekrönten Museums-Neubau-Entwurf von „Vervollständigung des Olbrich Ensembles“ sprechen, empfinden die meisten Menschen den Entwurf als einen Fremdkörper (Bernd Krimmel, ehem. Direktor des Instituts Mathildenhöhe). In der Tat: der (preisgekrönte!) Entwurf wirkt abwei- send, kalt, seelenlos, phantasielos, ohne Farbigkeit und Dekor, langweilig, absto- ßend, an ein Römerkastell erinnernd, monströs, die Umgebung missachtend, bezugslos, fremd, geistlos. Max Bächer (emeritierter Architekturprofessor der Technischen Hochschule) nannte das Projekt denn auch einen „Akademischen Scherz.“

• Wie kommen die Verantwortlichen auf die abstruse Idee, eine Gemäldegalerie, deren Schwerpunkt in der Romantik liegt und somit inhaltlich keinen Bezug zur Künstlerkolonie bzw. zum Jugendstil aufweist, an der exponiertesten Stelle in des geschützte Ensemble der Mathildenhöhe hineinzubauen?

• Eine in Aussicht gestellte Schenkung des Christiansen-Sammlers Dr. Jens Kirsch mit 55 Werken von Hans Christiansen an die Stadt wird völlig ignoriert, weshalb dieser vermutlich die Schenkung zurückziehen wird.

• Die Grundmauern der ehemaligen Villa Christiansen sind noch unter der Rasenfläche vorhanden und stellen ein Bodendenkmal dar. Warum sollen oder müssen sie durch das geplante Privatmuseum zerstört werden? (Charta von Venedig)

Ebenso müsste der Hartung-Brunnen abgerissen werden. Der Brunnen ist ein Denkmal und wurde in einer vorbildlichen Wiederaufbau-Anstrengung in einer neu- geschaffenen öffentlichen und sich öffnenden Grünanlage von Prof. Bartning vor über 50 Jahren an diese Stelle unterhalb des ehemaligen Hauses Christiansen plat- ziert. Er ist in der Denkmaltopografie von Darmstadt verzeichnet. Ein Abriss oder eine Versetzung des Brunnens würde gegen die Charta von Venedig verstoßen.

• Die Baukosten wären an dem vorgesehenen Grundstück am Südhang sehr hoch, da das Grundstück nicht die entsprechende Größe aufweist und somit zwei Stockwerke unterirdisch versenkt werden müsste. Max Bächer verweist auf den unbebauten Osthang der Mathildenhöhe: "Es wäre doch nicht zu verstehen, wenn ein spendabler Stifter seine Idee und sein Geld für ein mißglücktes Museum an einer unglücklichen Stelle im Boden vergraben müsse." Warum schließt OB Hoffmann einen alternativen Bauplatz aus? (Echo Online 15.Juli 2010)

• Warum stellt das Stifterpaar seine Gemälde nicht in der seit 2002 auf der Mathildenhöhe (Prinz-Christians-Weg) bereits existierenden Galerie Sander in spannenden Wechselausstellungen aus? Diese Galerie Sander ist ein fertiges Museum unweit des neu geplanten und sensiblen Standortes (einstige Villa Christiansen), über den jetzt mit großem nachträglichen Aufwand das Forum veranstaltet wird. Diese Galerie hat- ten die Wella-Erben (Ehepaar Sander) bereits der Öffentlichkeit mit Ausstellungen zugänglich gemacht, jedoch kurz darauf wieder geschlossen (Heiner 11/2010, S.9).

• Wozu hat OB Hoffmann die Termine für das "Vermittlungsforum" so kurzfristig angesetzt - möglichst weit von den anstehenden Kommunalwahlen in 2011 entfernt? Ist alles schon durch die im Magistrat und im Parlament gefassten Beschlüsse und die privaten (Geheim-) Verträge entschieden, und das Forum hat nur Alibi-Funktion? Wurden bereits oder sollen vor den Wahlen (und einem evt. neuen
OB) irreparable Fakten geschaffen, die nur noch (durch das Forum) gerechtfertigt werden sollen?

Das Forum lenkt thematisch von den eigentlichen skandalösen Vorgängen auf der Mathildenhöhe ab. Der Südhang droht mit monströsen Betonklötzen, die sich nicht in das Jugendstilensemble einfügen, zerstört zu werden:

Und auch ein weiterer Neubau (im Prinz-Christians-Weg) ist bereits in Planung. Dabei handelt es sich um ein Grundstück, das ebenfalls in den Besitz des Ehepaars Sander gekommen ist. Auf dem Grundstück befand sich bis vor wenigen Jahren das von Josef Maria Olbrich entworfene denkmalgeschützte Kutscherhaus mit Remise. Dieses historische Gebäude ist mittlerweile abgerissen. Auf ihm steht nun die Errichtung einer weiteren „Perle“ der Mathildenhöhe an.

Der Schutz des Südhangs im Zwiespalt zwischen individuellen Neubaugelüsten und dem allgemeinen Interesse an einer kultivierten Bewahrung und Weiterentwicklung des Gebiets-Charakters wäre eine vordringliche Aufgabe der kommunalen Bauleitplanung, der sich die Stadt nicht länger entziehen darf. Bis zu deren Rechtswirksamkeit ist eine Veränderungssperre anzuordnen, um Fehlentwicklungen aufzuhalten.

Die Bürgerinitiative SOS Mathildenhöhe fordert die Darmstädter Politiker und Verantwortlichen auf, eine Zerstörung des wertvollen Ensembles der Mathil- denhöhe Darmstadt durch den geplanten Museumsneubau, der einen Fremd- körper darstellt, zu verhindern.
SOS Mathildenhöhe ist:

• FÜR den geplanten Museumsneubau, jedoch an einer anderen, geeigneteren Stelle!
• FÜR die Erhaltung des stadtgeschichtlichen Zustandes des Südhanges Mathildenhöhe mit all seinen Zeitschichten!
• FÜR die Bewahrung der noch vorhandenen Grundmauern des 1944 zerstörten Künst- lerwohnhauses von Hans Christiansen unter der Rasenfläche!
• FÜR die Erhaltung des Ernst-Ludwig-Brunnens an seinem bestehenden Platz!

Daher: Einladung zu einem wirklichen BÜRGERFORUM
Informations- und Diskussionsveranstaltung von SOS Mathildenhöhe: am 18. Jan. 2011, 19 h, Justus Liebig Haus

 

Kommentare

0Conrad05.12.2010, 12:57#1
Die Überschrift lautet: Forum der Probleme, aber, eigentlich müsste man sagen: Das Problem mit dem Forum!! Was soll es schon bei der von der Stadt verordneten Taktik bringen?

Der Artikel greift wirklich alles auf. Wie kann es angehen, daß die Stadtoberen (auch die Damen und Herren Stadtverordnete n!) mal so eben sich von den Wella-Erben beschenken zu lassen, nachdem sich doch schon beim Verkauf der Wella an die Amis das abzeichnete, was in solchen Fällen immer zu erwarten ist: Verlagern, Stillegen, Rausschmeißen.
Nachdem jetzt die letzten Mitarbeiter jeden Tag in den Taunus zur Wella-Arbeit fahren dürfen, muß doch ein Funken Anstand bei den Stadtoberen ankommen, oder sehen die nur noch das Dollar-Zeichen im Auge? Wer sagt eigentlich, daß das Museum an die Satdt Darmstadt eines Tages übergehen wird? Wo steht das? Welche Bilder sollen denn am Tag X in den Besitz der Stadt Darmstadt gehen?

Wie blauäugig ist man eigentlich in Darmstadt, glaubt man wirklich alles?

Abgesehen davon, daß der Museums-Klotz am Südhang absolut nicht passt und potthässlich ist. Wie wärs am Osthang, dort wäre das Ding garnicht so schlecht, ja es wäre sogar wirklich gut!!
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0Adolar16.03.2011, 08:51#2
Die Mahöhe wird nicht ver- handelt.

Das DE schreibt heute, die Stadt Frankfurt am Main wird 17
(ja, s i e b z e h n !) im Krieg völlig zerschmissene Häuser am Römerberg originalgetreu wieder aufbauen.

Man möge zu so etwas stehen, wie man will.

Tatsache ist, daß sich die Stadt Frankfurt in der Regel recht gut überlegt, was sie tut, und zwar, bevor sie Verträge abschließt... Es gibt dort auch schon immer einen Städtebaubeirat mit sicherlich intern etwas zerstrittenen Architekten, das ist normal.

Was heißt das für die Maßnahme Sander?

Es gibt auf der Mahöhe nur die absolute Null- Option, oder einen originalgetreue n Wiederaufbau des früheren Hauses. Da das Gebäude mit Außenanlagen sehr gut dokumentiert ist, dürfte das kein Problem sein.
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