| Dr. Margret Zimmermann-Degen, Kunsthistorikerin am Augustinermuseum Freiburg i.R. |
| Geschrieben von: Ingo Hagel |
| Mittwoch, den 22. Dezember 2010 um 19:43 Uhr |
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Dr. Margret Zimmermann-Degen, Kunsthistorikerin (i.R.) am Augustinermuseum Freiburg, promovierte 1981/82 über das Jugendstilwerk von Hans Christiansen (Universität Heidelberg).
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, mit tiefster Bestürzung musste ich erfahren, dass auf dem weltbekannten und einmaligen historischen Ensemble der Künstler-Kolonie Mathildenhöhe, anstelle des zerbombten Hauses „In Rosen“ von Hans Christiansen, ein moderner, kubischer Museums-Klinkerbau entstehen soll. Ganz abgesehen von jeder Qualität eines wie auch immer gestalteten Neubaus ist an dieser Stelle eine derartige Lösung das Zerstörerischte, was man der Mathildenhöhe antun kann! Die Künstlervillen mit dem Ernst-Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe waren als Jugendstil-Ensemble (1899-1901) geplant und realisiert worden, eine Tatsache, die innerhalb der Jugendstilbewegung kein zweites Mal zu finden ist. Dieses Ensemble wurde enthousiastisch von der ganzen künstlerischen Welt als „Dokument deutscher Kunst“ gefeiert und ist bis heute eine Inkunabel des deutschen Jugendstils. Es gehört daher ganz zweifellos zum Weltkulturerbe, das zu respektieren und zu bewahren ist, da infolge des Zweiten Weltkrieges der größte Teil qualitätvoller Jugendstilarchitektur zerstört wurde. Der schmerzliche Verlust des Hauses „In Rosen“ , das nach den gemeinsamen Entwürfen von Olbrich und Christiansen erbaut wurde, hätte längst durch einen historischen Wiederaufbau korrigiert werden müssen. Dieser Wiederaufbau ist zwingende Notwendigkeit, um nicht den Geist, den Charakter und die Atmosphäre dieses einmaligen Gesamtkunstwerkes weiterhin zu schädigen. Das käme einem Verrat der Gründungsidee gleich. Andere Städte wie Frankfurt (Römerberg), Potsdam (Stadtschloss), Dresden (Neumarkt und Frauenkirche) wie auch Berlin (geplanter Wiederaufbau des Schlosses) usw. haben begriffen, dass die einzigartigen architektonischen Schöpfungen unserer deutschen Geschichte nicht einfach der Zerstörung und dem Vergessen überantwortet werden können. Nicht nur deutsche Städte haben Rekonstruktionen zum Schutze ihres spezifischen, landschaftlich geprägten Charakters bisher realisiert, sondern auch im Ausland wird seit langem dieser Weg eingeschlagen. Wer könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass eine Kriegslücke auf dem Schlossplatz von St. Petersburg durch einen modernen Neubau geschlossen würde? In Übereinstimmung mit der Internationalen Charta von Venedig (1964), die Sie kennen werden, sind diese Denkmäler und Ensembles wiedererstanden. Der äußere Wiederaufbau des Hauses „In Rosen“ mit angrenzendem Atelierbau wäre aufgrund der vorhandenen (unter Denkmalschutz stehenden!) Fundamente, der Pläne und vieler Fotografien ein Leichtes. Der im Inneren entstehende Raumkörper könnte modern gestaltet und Museumszwecken zugeführt werden (vergl. das jetzt von Prof. Mäckler mit großem Erfolg umgestaltete Augustinermuseum Freiburg, in dem ich über 20 Jahre tätig war). Dass Herr Sander, der über ein Jahrzehnt mit dem Sammeln von Jugendstil befasst war, diese Lösung nicht in Betracht gezogen hat, ist mir, die ihn gut kannte, völlig unverständlich. Auch die Denkmalpflege scheint sich, unverständlicherweise, nicht wirklich mit der Gründungsidee und seinem ideellen und ästhetischen Postulat erschöpfend auseinandergesetzt zu haben, das u.a. Olbrich so formuliert:“Alle die Häus`chen um ein Forum gruppirt…zur Einheit verbunden“ und Behrens ergänzte: “Alles in Harmonie zu ordnen, zu wählen, zu gestalten, einzuschalten in große Kreise bedeutet mehr, als jenes kleines Werk so rund es war“. In meiner 1984 veröffentlichten Doktorarbeit wird die außergewöhnliche Vielseitigkeit Hans Christiansens und auch die überragende Qualität seiner Jugendstilwerke dargestellt. Die in jahrelanger Arbeit, in intensiver Zusammenarbeit mit den Töchtern Hertha Genin (Nizza), Frega Adams (Paris) und Olaf Christiansen (Sardinien) entstandene Arbeit, hat mich auf das Engste mit dem Werk des Künstlers, aber auch mit seinem schwierigen Leben und das seiner Familie vertraut gemacht. So möchte ich Ihnen, in Ihrer Verantwortung als Oberbürgermeister, zu bedenken geben, dass aufgrund der jüdischen Abstammung von Frau Claire Christiansen, der in der Nazizeit verfolgten Familie, die dieses Leiden und die Trennung von Deutschland nie verschmerzt hatten, ein Mahnmal gesetzt werden könnte. Ich habe die drei Kindern Olaf Christiansens über die Bauabsichten der Stadt Darmstadt auf der Mathildenhöhe informiert. Sie werden sich mit Ihnen in Verbindung setzen. In der großen Hoffnung, dass die bestehenden Pläne für ein modernes Bauvorhaben an dieser Stelle doch noch einmal einer gründlichen Überprüfung unterzogen werden, sehe ich Ihrer geschätzten Antwort entgegen und verbleibe mit freundlichen Grüssen Dr. Margret Zimmermann-Degen
PS. Gerne übersende ich Ihnen, mit getrennter Post, ein Exemplar (Teil 1) meiner Doktorarbeit , die Ihnen weitere Kenntnisse zum Werk Christiansens eröffnen kann. Das Buch (Teil1u.2) in Leinen gebunden, sowie das Paperback (Teil 1) waren nach kurzer Zeit vergriffen. Kopie dieses Schreibens geht an das Darmstädter Echo und an die Bürgerinitiative „SOS Mathildenhöhe“ |