Die angestrebte Symmetrie ist ein Mythos
Freitag, den 31. Dezember 2010 um 20:23 Uhr

Befürworter des Standorts "Südhang Mathildenhöhe" erstreben Symmetrie auf Kosten der bestmöglichen Museumsgestaltung. Im Süden des "Museum Künstlerkolonie" auf der Mathildenhöhe standen früher rechts und links der Treppenanlage die Häuser Olbrich und Christiansen. Das linke Haus Christiansen wurde im Krieg zerstört. Das Museum Sander solle auf dem Platz des Hauses Christiansen gebaut werden, um die Symmetrie wieder herzustellen, sagen die Befürworter des Museumsstandorts Südhang Mathildenhöhe.

Die angestrebte Symmetrie ist ein Mythos. Der Betrachter empfindet heute keine Asymmetrie: Die Symmetrieachse zwischen dem Ernst-Ludwig- Haus und dem früheren „Haus für Flächenkunst“ existiert nicht mehr, weil der Durchgang vom Alexandraweg zum „Haus für Flächenkunst“ nicht mehr vorhanden ist, ebenso wie dieses Haus selbst nicht mehr existiert. Der kubische Siegerentwurf für das Museumsgebäude Sander erzeugt kein Symmetriegefühl beim Betrachter. Das kantige Gebäude ist ein radikalerStilbruch zu den geschwungenen Formen des Jugendstils. Dem HausOlbrich steht damit nicht etwas Ähnliches gegenüber sondern ein krasser Gegensatz.

Das irrtümliche Symmetriestreben beschädigt die Mathildenhöhe. Symmetrie ist nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, um das Ziel Schönheit zu erreichen. Das geplante kubische Museumsgebäude zerstört jedoch durch den extremen Stilbruch die Schönheit des einzigartigen Jugendstilensembles Mathildenhöhe. Das Ansinnen, der ursprünglichen Ästhetik um 1900 näher zu kommen, wird konterkariert. Der Bau wäre eine kunst- und kulturhistorische Straftat.

Man stelle sich vor, auf denkmalgeschützten historischen Anlagen in Deutschland, wie zum Beispiel dem Heidelberger Schloss, würden künftig vergleichbare Museumsbauten errichtet - um Symmetrie herzustellen!

Eine Standortentscheidung „Südhang Mathildenhöhe“ verhindert die bestmögliche Gestaltung des Museum Sander. Für das Museumsgebäude Sander geht durch den geplanten Standort die architektonische Gestaltungsfreiheit weitgehend verloren. An anderer Stelle böte sich für den Museumsneubau Sander die großartige Chance, einen neuen architektonischen Glanzpunkt für Darmstadt zu schaffen, vergleichbar dem Hundertwasserhaus.

Erforderlich ist für die Standortplanung und Gestaltung des Museum Sander ein ergebnisoffener systematischer Entscheidungsprozess. Ziele und Entscheidungskriterien müssen definiert und transparent gemacht werden. Die derzeitige Verengung der Entscheidungssituation auf eine einzige Entscheidungsalternative (Südhang Mathildenhöhe) verhindert die Nutzung der Chancen und Potenziale, die das Museum Sander Darmstadt bietet. Offenheit für neue Standorte ist gefordert. Es muss auch hier gelten: Qualität geht vor Schnelligkeit.

Leserbrief von Berthold Weywara im DA Echo vom 30.11.2010

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