| Der geplante Museumsneubau auf der Mathildenhöhe missachtet die Geschichte von Hans Christiansen |
| Geschrieben von: Ingo Hagel |
| Freitag, den 10. Dezember 2010 um 21:38 Uhr |
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Am Südhang der Darmstädter Mathildenhöhe, unterhalb des Ernst-Ludwig- Hauses, soll der Museumsneubau Sander errichtet werden. Der für den geplanten Neubau im Sommer 2010 durchgeführte Architekturwettbewerb ist abgeschlossen; der prämierte Entwurf ist Auslöser für kontroverse Diskussionen, sowohl bei Fachleuten als auch in der Bürgerschaft. Der vorgesehene Bauplatz für das Museum Sander befindet sich allerdings genau an der Stelle des ehemaligen Wohnhauses von Hans Christiansen. Diese einzigartige und exponierte Stelle erfordert eine nähere Betrachtung. Der Großherzog von Hessen und bei Rhein, Ernst Ludwig, holte den Jugendstil-Künstler Hans Christiansen als ersten von sieben ausgezeichneten Künstlern nach Darmstadt, um an der Gründung einer Künstler-Kolonie mitzuwirken. Die „Ersten Sieben“ Künstler waren: Hans Christiansen, Rudolf Bosselt, Paul Bürck, Patriz Huber, Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und Ludwig Habich. Hans Christiansen wurde am 6. März 1866 in Flensburg geboren. Im Anschluss an eine Lehre bei dem Flensburger Dekorationsmaler Jacobsen fand er eine Stellung in einem renommierten Geschäft für Innendekoration in Hamburg. Nach einem zweisemestrigen Studium an der Kunstgewerbeschule in München und einer Studienreise (Italien) ließ er sich 1889 in Hamburg nieder. Dort machte er sich als Dekorationsmaler selbständig und übernahm einen Lehrauftrag als Fachschullehrer. Gleichzeitig engagierte er sich im Hamburger „Volkskunst-Verein“, der sein vordringlichstes Anliegen in der Befreiung der Kunst aus den Fesseln des Historismus samt dessen „verderblichen Begleiterscheinungen“ sah. 1893 besuchte Christiansen auf Kosten des Hamburger Senats mit sechs weiteren Künstlern die Weltausstellung in Chicago, wo er durch die Glaskunst der Firma Tiffany Anregungen für sein Werk erhielt. In seinem vor dem Kunstverein Hamburg gehaltenen Vortrag über die gewonnenen Eindrücke der Weltausstellung spricht er sich gegen die historisierende Dekor- und Formgebung aus und thematisiert die Hinwendung zu Naturmotiven der heimischen Flora und Fauna. Danach reiste er mit Carl Griese, dem Direktor der Lithografischen Kunstanstalt nach New York und Philadelphia, wobei das spezielle Interesse dem amerikanischen Reklamewesen galt. Christiansen gab sein Hamburger Geschäft wegen des historisierenden Publikumsgeschmacks auf und verbrachte 1895 - 1899 weitere Studienjahre in Antwerpen und in der Kunstmetropole Paris an der Académie Julien, die er jedoch aus Protest gegen den akademischen Lehrbetrieb verließ. Er wollte frei studieren, „ohne die Korrektur eines Professors“ und lieber „die ganzen Errungenschaften der französischen Kunst auf mich einwirken lassen“, wie er 1898 an Schliepmann schrieb. Während seines Paris-Aufenthaltes war Christiansen mit französischen Auftragsarbeiten beschäftigt, gleichzeitig suchte er Kontakt zu deutschen Firmen. Seit 1897 zeichnete er für die Zeitschrift „Jugend“. Seine Veröffentlichungen machten ihn zu einem der gefragtesten Illustratoren dieser Wochenzeitschrift, und er hatte wesentlich Anteil an der Prägung des Begriffs „Jugendstil“. Auf der Dresdner Kunstausstellung sah der Darmstädter Verleger Alexander Koch die Werke von Christiansen und bat ihn um seine Teilnahme an der „Darmstädter Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellung“ 1898. Sein überwältigender Erfolg auf der Darmstädter Ausstellung veranlasste den Großherzog Ernst Ludwig, persönlich nach Paris zu reisen, um Hans Christiansen in seinem Atelier aufzusuchen. Er bat ihn, Mitglied in der Darmstädter Künstlerkolonie zu werden. Die Berufung des jungen Künstlers nach Darmstadt bedeutete den Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn. Noch in Paris heiratet Hans Christiansen Claire Guggenheim, die Tochter einer wohlhabenden, aus Mannheim stammenden jüdischen Kaufmannsfamilie. Am 1. Juli 1899 nahm Christiansen als „Erstberufener“ gemeinsam mit Patriz Huber, Paul Bürck, Ludwig Habich und Rudolf Bosselt seine Arbeit in provisorisch eingerichteten Ateliers in Darmstadt auf. Es folgten Peter Behrens und Josef Maria Olbrich. Das erste gemeinsame Auftreten der „Sieben“ erfolgte auf der Weltausstellung in Paris 1900 mit dem „Darmstädter Zimmer“, wo sie äußerst erfolgreich in Erscheinung traten. Christiansen wurde für seine Arbeiten ausgezeichnet. In der frei schaffenden Künstlergemeinde reifte die Idee zu einer gemeinsamen Künstler-Kolonie-Ausstellung. Die Hauptidee dieser Ausstellung bestand darin, komplett eingerichtete Wohnhäuser als in sich abgeschlossene Kunstwerke zu entwerfen und sie während der Ausstellung (Mai - Oktober 1901) mit dem Titel „Ein Dokument Deutscher Kunst“ für das Publikum zu öffnen. Diese Häuser sollten dann im Anschluss an die Ausstellung von ihren Eigentümern bezogen werden. Joseph Maria Olbrich, in dessen Hand das Gesamtkonzept lag, schildert das Vorhaben mit den Worten: „Alle die Häuschen um ein Forum gruppiert mit eigenartig angelegten Wegen, Gärten, Beleuchtungs-Körpern, Brunnen und Blumenbeeten zur Einheit verbunden...“ Auf dem höchsten Punkt der Mathildenhöhe platziert, unmittelbar unterhalb des Ateliergebäudes (Ernst-Ludwig-Haus), lagen die Wohnhäuser von Hans Christiansen und Joseph Maria Olbrich. Alle weiteren Häuser folgten dem Alexandraweg hangabwärts. Christiansen entwarf sein Wohnhaus „In Rosen“ zusammen mit dem Architekten Joseph Maria Olbrich. Grundriss und Architektur wurden zwar nach Olbrichs Plan, jedoch basierend auf den Ideen von Christiansen ausgeführt. Die Küche entwarf Patriz Huber. Christiansen verwendete die Rose als Leitmotiv, die er durch alle Räume hindurch komponierte. Mit ihr erreichte er die angestrebte Wirkung, die Trennung von Innen- und Außenraum illusionistisch aufzuheben. In der Beschreibung von Benno Rüttenauer, einem Zeitgenossen von Christiansen wird die Wirkung der Villa von Christiansen und ihrer exponierten Lage (Abb. 1) so formuliert: „Es wirkt selber wie ein Rosenstrauss, wie eine ungeheure Blütengarbe. Es hat nicht umsonst von allen den höchsten Platz, es wirkt wie eine Melodie zu den übrigen, die als dazu gehörige Harmonie tiefer sind in der Lage und Stimmung. Und eine heitere Melodie ist es. Etwas Frohlockendes liegt darin. Und etwas Kindlich-Naives...“ Noch vor Ablauf der Ausstellung im Oktober 1901 wurde durch starke Kritik an dem Gesamtprojekt der Künstlergruppe die anfänglich euphorische Stimmung gedämpft. Die "Sieben Heiligen", wie sie sich karikierend nannten, starteten einen satirischen Gegenangriff, der die Lage nicht verbesserte. Das große finanzielle Ausstellungsdefizit und anderes bewirkten zunehmende bürokratische Zwänge, die Hans Christiansen, Paul Bürk und Patriz Huber 1902 zum Austritt aus der Künstlerkolonie veranlassten.
Abb. 1: Haus „In Rosen“. 1901. Öl auf Leinwand. Hessisches Landesmuseum, Darmstadt.
Hans Christiansen blieb mit seiner Familie in Darmstadt ansässig. In seinem Haus „In Rosen“ führte der Künstler ein gesellschaftlich anspruchsvolles und glanzvolles Leben. Seine Frau Claire und die Kinder Hertha, Frega und Olaf standen immer wieder für seine künstlerischen Studien Modell. Claire Christiansen erinnert sich an diese Zeit: „Das Leben war wunderschön, ich möchte fast sagen sorgenlos. Ein kameradschaftlicher Verkehr, zumal mit den jüngeren Kollegen. In die ersten Kreise eingeführt. Viel Ehren, großer Erfolg. Wer nach Darmstadt kam zu S.K.H. versäumte nicht, die „Villa in Rosen“ zu besuchen ...“ Hans Christiansen verbrachte die Wintermonate in Paris. An den offiziellen Ausstellungen der bis 1914 bestehenden Künstlerkolonie nahm er nicht mehr teil. 1911 entschied er, Darmstadt zu verlassen. Aufträge würden ihm „nur von auswärts“ erteilt und Darmstadt habe ihm „nichts eingebracht“. Im Jahre 1912 zog er mit seiner Familie nach Wiesbaden, und hat damit erst als letzter der „Sieben“ Darmstadt verlassen. Das Haus „In Rosen“ verkaufte er mit großem finanziellem Verlust. In Wiesbaden widmete sich Christiansen fast ausschließlich der Malerei und der Philosophie. Nach dem ersten Weltkrieg erlangte er einen ausgezeichneten Ruf als Portraitist. Da Christiansen sich im „Dritten Reich“ weigerte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, entzog man ihm die Existenzgrundlage, indem das Reichskulturamt gegen ihn ein absolutes Malverbot verhängte. Sein ehemaliges Wohnhaus in Darmstadt, Villa „In Rosen“ ging 1933 in den Besitz der Stadt Darmstadt über. Aus denkmalpflegerischen Gründen durften am Gebäude keine baulichen Veränderungen vorgenommen werden. Die noch vorhandenen Möbel und Einbauten in der Halle und im Speisezimmer sollten im Originalzustand erhalten werden. Im Jahre 1938 mussten Christiansens Kinder Herta, Frega und Olaf Deutschland aus Sicherheitsgründen verlassen. Der Freundschaft des Künstlers zum Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Glässig war es zu verdanken, dass Claire Christiansen nicht in ein Konzentrationslager deportiert wurde. Die Nazis zwangen das Ehepaar Christiansen dazu, ihre Wohnung im eigenen Wiesbadener Haus zu räumen und in die Mansarde dieses Gebäudes zu ziehen. Im September 1944 wurde das Haus „In Rosen“ bei einem Luftangriff von einer Brandbombe getroffen und brannte vollkommen aus. Keine vier Monate später, am 5. Januar 1945, starb Hans Christiansen im Alter von 78 Jahren. Claire Christiansen übersiedelte nach Frankreich zu ihren Kindern, sie starb im Alter von 103 Jahren (1973). Erst in den 50er Jahren wurden die verbliebenen Mauerstümpfe der Villa „In Rosen“ abgetragen. Die Grundmauern sind unter der Rasenfläche noch vorhanden. Das Vorhaben des geplanten Museums-Neubaus Sander vollzieht sich damit vor einem besonderen geschichtlichen Hintergrund und an genau der Stelle, die geprägt ist von Geist und Schicksal Hans Christiansens. Es ist also mehr als fragwürdig, einen privaten Museumsneubau, der keinen Bezug zur weltberühmten Künstlerkolonie aufweist, und daher architektonisch, inhaltlich, ideell und geistig einen Fremdkörper darstellt, in das von der Denkmalpflege geschützte Ensemble der Mathildenhöhe einzubringen (1).
Isolde Zipperer, Oktober 2010 für SOS Mathildenhöhe --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 1) Dies bestätigt auch die Internationale Charta von Venedig (1964). In dieser sind die Grundsätze, die für die Konservierung und Restaurierung der Denkmäler und Ensembles erarbeitet und formuliert. Die Charta von Venedig ist ein bindendes Grundsatzpapier, auf dem alle Folgepapiere basieren. Der Artikel 6 lautet: Zur Erhaltung eines Denkmals gehört die Bewahrung eines seinem Maßstab entsprechenden Rahmens. Wenn die überlieferte Umgebung noch vorhanden ist, muss sie erhalten werden, und es verbietet sich jede neue Baumaßnahme, jede Zerstörung, jede Umgestaltung, die das Zusammenwirken von Bauvolumen und Farbigkeit verändern könnte. Verwendete Literatur: Margret Zimmermann-Degen: Hans Christiansen - Leben und Werk eines Jugendstilkünstlers. Teil I. Langewiesche o.J.. Museum Künstlerkolonie Darmstadt - Katalog. Institut Mathildenhöhe Darmstadt (Hrsg.), o.J.. |