Der Denkmalschutz blieb auf der Strecke
Geschrieben von: S. Thiele   
Mittwoch, den 08. Dezember 2010 um 11:38 Uhr

Vorgeschichte

Die Chronologie der Ereignisse und Entscheidungen rund um das Museum-Sander ist im Darmstädter Echo aus der Sicht der Stadt ausgiebig beschrieben. Daher wollen wir uns hier auf die dort etwas zu kurz gekommenen Aspekte beschränken und die Betrachtung darauf konzentrieren, wie sich die Denkmalschutz-Anforderungen und Vorgaben bezüglich der Gestaltung des Neubaus im Laufe der Zeit gewandelt haben.

Von der Arbeitsgruppe A der Planungswerkstatt im November/Dezember 2006 wurde für die Stelle des ehemaligen Hauses Christiansen ein "Neubau höchster Qualität vorgeschlagen", in seiner Gestalt aber nicht näher spezifiziert.

Dieses wenig beachtete Ergebnisdetail der Planungswerkstatt war weitgehend in Vergessenheit geraten, als die Stadt am 24.07.2009 das konkrete Vorhaben erstmals in einer Pressekonferenz als bereits beschlossene Sache der Öffentlichkeit vorstellte.

Rahmenkonzeption

In dem im Juli 2009 vom Magistrat beschlossenen und am 3.9.2009 von der Stadtverordnetenversammlung bestätigten Rahmen-Konzept Mathildenhöhe sind die denkmalpflegerischen Anforderung an die Außenform des geplanten Gebäudes nur sehr knapp, für einen Fachmann dennoch klar beschrieben:

 

 

Das Gebäude müsste in seiner Kubatur und seinen wesentlichen Architekturmerkmalen (Lochfassade, Putzbau, geneigtes Dach) weitgehend dem ursprünglichen Haus Christiansen entsprechen, ohne es kopieren zu wollen.
Quelle: "Rahmen-Konzeption Mathildenhöhe", Nikolaus Heiss, Juli 2009

Unter diesen Prämissen wäre bei wohlwollender Betrachtung durchaus auch noch eine mit dem Denkmalschutz verträgliche Lösung denkbar gewesen, und es haben zu diesem Zeitpunkt weder der Denkmalbeirat noch die Darmstädter Bürger gewusst, welche Dimensionen das geplante Projekt wirklich annehmen würde. Bei den wesentlichen Architekturmerkmalen - insbesondere dem expliziten Hinweis auf die Dachform - konnte man noch daran glauben, es ginge um eine Gebäudeform, die mit der Architektur Olbrichs korrespondiert. Die Beschreibung legt auch nahe, dass sich der Neubau an der Größe des ursprünglichen Hauses Christiansen, also der des Jahres 1901 orientiert, welches später an seiner Westseite noch um einen großen Atelier-Anbau erweitert wurde. Der Begriff Lochfassade bedeutet im Kontext der Jugendstil-Architektur eine durch viele Fenster bzw. Türen abwechslungsreich gegliederte Fassade.

Auslobung

Für den Architekturwettbewerb war es von entscheidender Bedeutung, welche Denkmalschutzkriterien in der Aufgabenstellung als Anforderungen festgelegt wurden. Dabei wurden leider die wichtigsten Vorgaben weggelassen und stattdessen festgelegt:

Die Wahl der Dachform unterliegt keiner Vorgabe.

Damit gemeinsam mit den benachbarten Gebäuden eine homogene Gesamtanlage entsteht, soll das große Bauvolumen des Museumsneubaus mit architektonischen Mitteln differenziert werden.
Quelle: Auslobungstext, "Wettbewerb Museum Sander Mathildenhöhe", Vorabzug, Fassung Preisrichter-Vorbesprechung, 11.03.2010

Hier zeigen sich eklatante Unterschiede zur öffentlichen Darstellung im Rahmen-Konzept, welche auch zu dieser Zeit für den Denkmalbeirat noch Beratungsgrundlage war. Die Baumasse orientiert sich in ihrer Größe an an einen späteren Zustand als das ursprüngliche Gebäude von 1901, und die Flächen der Baufelder beinhalten auch den späteren Atelier-Anbau.

Der Inhalt der Auslobung war explizit als vertraulich gekennzeichnet. In § 2.2.15 steht:

Vertraulichkeit
Alle Unterlagen sind vertraulich zu behandeln. Die Veröffentlichung der zur Verfügung gestellten Wettbewerbsunterlagen bzw. deren Weitergabe an Dritte ist nicht zulässig. [...]
Quelle: Auslobungstext, "Wettbewerb Museum Sander Mathildenhöhe", Vorabzug, Fassung Preisrichter-Vorbesprechung, 11.03.2010

Durch die Tatsache, dass die genaue Aufgabenstellung des Wettbewerbs nicht öffentlich bekannt war, wusste bis zur Vorstellung der Wettbewerbsergebnisse kaum jemand, welches Ausmaß (1780 m² Bruttogeschossfläche) des Schreckens zu erwarten war und wie sehr der Denkmalschutz bereits in der Aufgabenstellung vernachlässigt wurde.

Immerhin wurde in der Auslobung eine Baumassendifferenzierung gewünscht, wozu eigens zwei Baufelder mit unterschiedlichen Höhenvorgaben definiert sind. Lässt sich der Laie diesen Begriff vom Fachmann erklären, so kann er sich das umgangssprachlich als eine Gliederung des Gebäudes mit Erkern und Nischen sowie Vor- und Rücksprüngen vorstellen.

Ergebnis

Betrachtet man nun den Siegerentwurf anhand der hier zitierten Denkmalschutz-Anforderungen, so zeigt sich, dass im Resultat keine einzige wirklich Berücksichtigung gefunden hat. Noch nicht einmal von der Unterscheidung der Baufelder A und B, mit dem in der Auslobung sichergestellt werden sollte, dass eine Differenzierung der Baukörpergestaltung gewährleistet ist, wurde Gebrauch gemacht.

In seinem Artikel Lückenschließer | Neubau Museum Sander auf der Mathildenhöhe Darmstadt (Bauwelt 29/2010 S. 10ff, PDF) charakterisiert Enrico Santifaller den Siegerentwurf als "archaisch schlichten", "scheinbar schmucklosen, scharf geschnittenen Kubus".

Südansicht

Der archaisch schlichte Kubus, den man umgangssprachlich auch als Klotz bezeichnen könnte, ist offensichtlich die undifferenzierteste aller Baumassengliederungen. Aus der Lochfassade wurden kahle Wände und noch bevor der Wettbewerb begann, war die schräge Dachform schon passé.
Denkmalschutz Ade

Eine öffentlichen Diskussion der konkreten Planungsvorgaben des Auslobungstextes, insbesondere was den genauen Raumbedarf des Museumsneubaus und den Mangel an Denkmalschutzauflagen betrifft, hätte schon zu Beginn der Ausschreibung deutlich aufgezeigt, was viele Bürger erst angesichts des Resultats erkannt haben. Alleine das Verhältnis von 1780 m² Bruttogeschossfläche zu einer Grundstücksgröße von 1100 m² hätte - so es bekannt geworden wäre - einige Alarmglocken zum Läuten gebracht. Wer solch wichtige Informationen vertraulich für sich behält, braucht sich heute nicht darüber zu wundern, dass sich die Bürgerproteste erst bei der Vorstellung der Ergebnisse artikuliert haben. Die Rahmen-Konzeption des Herrn Heiss stellt sich heute, was die Denkmalschutzauflagen für den Museumsneubau angeht, angesichts der Auslobung als eine glatte Irreführung der Öffentlichkeit (inklusive dem Denkmalbeitrat) dar.

 

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