Stellungnahmen und Meinungen von Experten
Geschrieben von: S. Thiele   
Mittwoch, den 01. Dezember 2010 um 00:38 Uhr

Beiträge von Prof. Max Bächer, Prof. Dr. Helmut Castritius, Bernd Krimmel, Prof. Frank Oppermann und Prof. Dr. Regina Stephan:

Prof. Max Bächer, emeritierter Architekturprofessor der Technischen Hochschule Darmstadt:

Quelle: echo-online: "Museum Sander: 'Ein Fremdkörper in Olbrichs Ensemble' "
Max Bächer, emeritierter Architekturprofessor der Technischen Hochschule Darmstadt, verwahrt sich in deutlichen Worten gegen eine Veränderung, die er als "akademischen Scherz" bezeichnet, weil sie nur gewohnte und vor allem schöne architektonische Situationen wie den Blick von Süden zur Russischen Kapelle oder zum Schwanentempel verstellen würde. "Nach einer Lücke habe ich vergeblich gesucht", kommentiert Bächer das Argument der städtischen Denkmalpflege, die ursprüngliche Situation eines Gegenüber von Haus Olbrich und Haus Christiansen wiederherstellen zu wollen. "Die Mathildenhöhe hat dank der zuständigen Architektin Christiane Gelhaar wieder ihre beschwingte Würde erhalten und ist trotz der vielen Einbußen ein schönes Ensemble und ein sehenswerter öffentlicher Raum geworden", schreibt er über die aktuelle Situation. Auch Bächer erinnert an den unbebauten Osthang und widerspricht Oberbürgermeister Walter Hoffmann, der diesen Bereich als alternativen Bauplatz ausgeschlossen hat: "Warum denn eigentlich nicht? Es wäre doch nicht zu verstehen, wenn ein spendabler Stifter seine Idee und sein Geld für ein missglücktes Museum an einer unglücklichen Stelle im Boden vergraben müsse."

 

Prof. Dr. Helmut Castritius, emeritierter Professor für Alte Geschichte an der TU Braunschweig, ehemaliges Mitglied des Denkmalbeirats der Stadt Darmstadt

 

Quelle: echo-online: "Castritius verlässt Denkmalbeirat"
Es gebe »unüberbrückbare Gegensätze« zur »übergroßen Mehrheit« dieses Gremiums [dem Denkmalbeirat der Stadt Darmstadt] in der Bewertung des auf der Mathildenhöhe geplanten Museumsneubaus, schreibt er zur Begründung. Der Althistoriker hält das Vorhaben »in jeder Beziehung für schlimm und grotesk«; in seinem Schreiben kritisiert er den früher entstandenen Bau der Museumsstifter Sander, der einem Hochsicherheitstrakt gleiche und unter »totaler Ignorierung des Jugendstilensembles« errichtet worden sei.

Bernd Krimmel, ehemaliger Darmstädter Kulturreferent und Gründungsdirektor des Instituts Mathildenhöhe:

Quelle: Leserbrief in der FAZ
Die singuläre und in Form und Bedeutung unausgewogene Gegenüberstellung des Museums Sander zum verunstalteten Olbrichhaus schafft keine echte Symmetrie und keine städtebauliche Achse.

[...] So verschmolz das imaginäre Ausstellungshaus mit dem früheren Atelierhaus zu einem idealen Museum. Die von Olbrich gedachte Achse hingegen ist verloren und nicht wiederherstellbar.

Der Denkmalpfleger vertritt die Ansicht, dass ein Bauwerk an der vorgesehenen Stelle möglich, ja zwingend notwendig wäre, wenn es die Kubatur des verlorenen Vorgängers einhalte. Olbrichs Architektur lässt sich indessen nicht in Kubikmetern messen. Die Besonderheit seiner Bauten war und ist, dass sie sich aus ihrer inneren Bestimmung und ihrem äußeren Ambiente organisch zueinander entwickeln.

Die Sammlung Sander umfasst Kunstwerke aus dem Darmstädter Raum des 19. und 20. Jahrhunderts. Es ist also ein historisches Museum, das da entstehen soll. Als solches steht es im Widerspruch zum genius loci. In der gerade zu Ende gegangenen glanzvollen Ausstellung und dem begleitenden Katalogbuch haben Dr. Beil und eine Phalanx hochkarätiger Wissenschaftler Olbrich als zukunftsweisenden Gestalter der europäischen Moderne präsentiert. Ein lokalhistorisches Museum im Zentrum des epochalen Gesamtkunstwerkes muss zwangsläufig ein Fremdkörper werden.

Quelle: echo-online: "Museum Sander: 'Ein Fremdkörper in Olbrichs Ensemble' "
"Die singuläre und in Form und Bedeutung unausgewogene Gegenüberstellung des Museums Sander schafft keine echte Symmetrie und keine städtebauliche Achse", erklärt Bernd Krimmel. Der ehemalige Darmstädter Kulturreferent und Gründungsdirektor des Instituts Mathildenhöhe protestiert "gegen die Implantierung eines Fremdkörpers in die jetzige Gesamtanlage". Er verwahrt sich dagegen, dass ein Museum Sander "möglich, ja zwingend notwendig wäre, wenn es die Kubatur des verlorenen Vorgängers einhalte", was die Vorgabe des Denkmalschutzes einen Neubau an der Stelle der von Olbrich entworfenen Villa Christiansen war. Krimmel hält dagegen: "Olbrichs Architektur lässt sich indessen nicht in Kubikmetern messen." Er plädiert gegen ein lokalhistorisches Museum mit Werken aus der Sander-Stiftung. Dafür sei es wünschenswert, dass ein Museum der Stadt Darmstadt am Osthang der Mathildenhöhe gebaut werde. Ein solches Haus könne mehrere tausend Kunstwerke aus der Zeit vom 18. bis 20. Jahrhundert aufnehmen, die im Besitz der Stadt sind, aber seit Jahrzehnten wegen des Fehlens eines solchen Hauses nicht gezeigt werden konnten.

Prof. Frank Oppermann, Professor für Denkmalpflege und Baugeschichte am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt, Mitglied im Denkmalrat des Landes Hessen, der Stadt Darmstadt sowie des Landkreises Darmstadt-Dieburg:

Quelle: echo-online: "Museum Sander: 'Ein Fremdkörper in Olbrichs Ensemble' "
Er [Frank Opermann] erklärt, dass jeder Neubau - "gleich welcher Art" - stören müsse. Für ihn habe der Architekten-Wettbewerb diese Erkenntnis gebracht.

Oppermann hat fünf Argumente gegen die Neubebauung gesammelt. Danach widerspricht die geplante städtebauliche Position Olbrichs Ideen, zugleich nehme der Bau des Gewinnerentwurfs kein Element der zerstörten Architektur auf. Der Wettbewerb habe darüber hinaus keine architektonischen Innovationen erbracht, sondern vielmehr durch - teilweise sogar zwei - Tiefgeschosse in den Plänen gezeigt, dass "ein funktionales Museum eine bestimmte Größe haben muss, die aber hier nicht zu realisieren ist". Frank Oppermann plädiert für eine "entschiedene" Annäherung der Gesamtanlage an den Ursprung, was das Anliegen von Stadt und städtischer Denkmalpflege ist, verwahrt sich aber zugleich gegen eine "Käseglocke über der Mathildenhöhe". Deshalb sind für ihn auch die Kriegszerstörung und der Fünfziger-Jahre-Brunnen am Platz des geplanten Museums Stadtgeschichte.

Prof. Dr. Regina Stephan, Professorin für Architekturgeschichte an der Fachhochschule in Mainz und Kuratorin der vor kurzem beendeten Darmstädter Retrospektive zum Werk Joseph Maria Olbrichs:

Quelle: echo-online: "Museum Sander: 'Ein Fremdkörper in Olbrichs Ensemble' "
"Betrachten wir das Ergebnis des einjährigen Bemühens nüchtern, am Ensemble orientiert, so bemerken wir: Die problematische Aufgabe ist offenbar denkmalgerecht nicht zu lösen. Dass das Ehepaar Sander trotz der von vornherein für jeden Kenner der Mathildenhöhe erkennbaren Gefahr des Scheiterns den Versuch unternommen hat, der Stadt zu einer Ensemble-Reparatur zu verhelfen, ist sehr dankenswert. Die einzig richtige Konsequenz ist allerdings, die Arbeiten in der Kategorie 'Unrealisierte Wettbewerbe' abzulegen, ein Schicksal, das viele andere Wettbewerbe schon ereilte."
[...] Sie [Regina Stephan] erklärt, dass die (im Wettbewerb geforderte) Kubusform des prämierten Hauses Sichtachsen des Jugendstils zerstöre und die verbliebenen Teile von Olbrichs architektonischem Villen-Ensemble aufgrund seiner Massivität gestalterisch aus dem Gleichgewicht bringe.?

 

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