Sammler macht Schenkung vom Bauentwurf abhängig
DARMSTADT/MANNHEIM.
Verliert Darmstadt den Zugriff auf eine Kunstsammlung, weil für eine andere Kollektion auf der Mathildenhöhe ein Haus gebaut werden soll? Als Reaktion auf die heftig umstrittenen Pläne, ein Stiftermuseum der Eheleute Hans-Joachim und Gisa Sander in Nachbarschaft zum Museum Künstlerkolonie zu errichten, will der Mannheimer Sammler Jens Kirsch eine 2009 in Aussicht gestellte Schenkung an das Institut Mathildenhöhe möglicherweise zurückziehen.
Kirsch hatte mit dem Mathildenhöhen-Direktor Ralf Beil über eine testamentarische Überlassung von 55 Werken des Jugendstilmalers und Kunsthandwerkers Hans Christiansen (1866-1945) verhandelt: vorwiegend Ölgemälde, aber auch Monotypien und Bleistiftstudien. Christiansen gehörte zu den 1899 nach Darmstadt berufenen Protagonisten der Künstlerkolonie. Unter Kennern gilt der Kirsch-Komplex als »interessantes Konvolut«, das nicht nur den Bereich der Lebensreform umfasst, sondern auch spätere Arbeiten.
Kirsch, Chirurg, CDU-Stadtrat und Kunstsammler in Mannheim, hatte ursprünglich zusammen mit seiner Frau erwogen, die Werke dem Christiansen-Haus auf dem Flensburger Museumsberg zu vermachen. In Flensburg wurde der Maler geboren, Darmstadt, wo er maßgeblich gewirkt hatte, erschien den Eheleuten Kirsch aber die bessere Adresse zu sein, obwohl gewiss nicht alle Werke dauerhaft im Museum Künstlerkolonie gezeigt werden könnten.
Dass nun just an dem Ort, wo die »Villa in Rosen«, das im Krieg 1944 zerstörte Christiansen-Haus stand, ein kubischer Neubau entstehen soll, bringt Kirsch auf: »Dieses Gebäude widerspricht in jeder Weise dem Stil, der Historie und dem künstlerischen Wesen der Mathildenhöhe«, schreibt Kirsch in einem Brief an den Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD). Und weiter: »Wir appellieren an Sie, diese Baupläne zu revidieren und dem gesamten Gebäudeensemble anzupassen. Einem Gemeinwesen, das seine künstlerischen und architektonischen Traditionen nicht zu wahren vermag, können wir unsere seit Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung nicht überlassen.«
Im Gespräch mit dem ECHO betonte Kirsch, seine Kritik beziehe sich ausdrücklich auf den ausgewählten Entwurf des Büros Schulz und Schulz, nicht jedoch auf die grundsätzliche Frage, ob an der Südflanke der Mathildenhöhe überhaupt gebaut werden sollte.
In Darmstadt sind die Baupläne ein Politikum: Das Stifterehepaar Sander will in seinem Museum auf 1000 Quadratmeter Fläche rund 250 Werke mit lokalhistorischem Bezug zur Stadt von 60 Künstlern aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert zeigen. Als alternativen Bauplatz haben Kritiker die Ostflanke der Stadtkrone ins Gespräch gebracht.
OB Hoffmann erklärte auf Nachfrage, der kritisierte Entwurf sei das Ergebnis eines »transparenten« Wettbewerbs. Das letzte Wort über das Aussehen des Museums sei »noch nicht gesprochen«.
So sehr der Mannheimer Mäzen Kirsch mit den Darmstädter Plänen unzufrieden ist (»Das tut mir in der Seele weh«), so entschieden signalisiert er dem ECHO gegenüber auch Dialogbereitschaft: »Ich bin für Gespräche mit der Stadt Darmstadt offen.« Quelle
echo-online