SOS-Mathildenhöhe: BI-Gründer Stefan Zitzmann über Mäzene, Politiker und einen Masterplan
Geschrieben von: Stefan Zitzmann   
Dienstag, den 11. Oktober 2011 um 17:28 Uhr

 

Die Veröffentlichung dieses Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Online-Tageszeitung HEINERTOWN (www.heinertown.de).

 

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Darmstadt 10.10.2011

Wohl kein anderer Bürger hat während der vergangenen Jahrzehnte so viele Darmstädter für eine Sache mobilisiert wie der Gastro-Unternehmer Stefan Zitzmann. Jetzt hat der Gründer der Bürgerinitiative SOS-Mathildenhöhe nach Monaten des Kampfes erstmals Rückschau gehalten. HEINERTOWN-Chefredakteurin Angela Barany traf Darmstadts obersten Wutbürger und sprach mit ihm über Mäzene, Politiker, Denkmalschützer und Masterpläne.

 

HEINERTOWN: In den zurückliegenden Monaten ist es ruhig geworden um die Bürgerinitiative SOS Mathildenhöhe und auch um Sie. Dabei war ein gewisser Stefan Zitzmann ja derjenige, der den Protest organisiert hat. Was ist geschehen?

ZITZMANN: Still ruhte der See. In der Tat. Die Erklärung ist, dass wir nach der Kommunalwahl erst einmal eine Zeit des politischen Stilstandes hatten. Das zweimonatige Interregnum zwischen Oberbürgermeisterwahl und Partschs tatsächlichem Amtsantritt hat viel Tempo aus der Sache genommen. Seit vorvergangenen Mittwoch stehen wir nun endlich wieder mit Jochen Partsch im Gespräch und konnten uns über weitere Planungen unterhalten.

HEINERTOWN: Oberbürgermeister Jochen Partsch sagte dieser Tage bei einer Pressekonferenz, man werde die Mathildenhöhe gesamtkonzeptionell betrachten. Auch bezüglich des Osthanges werde etwas passieren. Mittlerweile gibt es zur Weiterentwicklung des Osthangs eine Magistratsvorlage. Das Museum Sander soll jetzt gleichfalls am Osthang angesiedelt werden. Das müssten für Sie doch gute Nachrichten sein.

ZITZMANN: Wir sind sehr glücklich und stolz darauf, eine Bebauung des Grundstückes unterhalb des Ernst-Ludwig-Hauses verhindert zu haben. Nun geht der Blick nach vorn, denn unser Anliegen ist damit keineswegs abgeschlossen. Die Bürgerinitiative fordert seit ihrer Gründung vor mehr als einem Jahr ein Gesamtkonzept, eine Art ‚Masterplan‘ für die Mathildenhöhe, der allen Einzelprojekten zwingend vorausgehen muss. Erst dann kann man – mit Bürgerbeteiligung! – über Standorte reden. Die Aktivitäten in Sachen ‚Osthang‘ betrachten wir von daher mit gewisser Sorge. So sehr wir uns dort eine alsbaldige Erschließung wünschen, so sehr fürchten wir auch einen dem ‚Masterplan‘ vorauseilenden Schnellschuss. Die Bürgerinitiative sähe den Osthang gerne als gewichtigen Teil einer Kulturmeile vom Schloss bis hin zur Rosenhöhe und wird sich mit Nachdruck dafür einsetzen, eben da das Museum Sander im Verbund mit einem Museum für die städtischen Kunstsammlungen zu errichten. Forderungen, dass man dort ‚experimentellen Wohnungsbau‘ betreiben solle, lehnen wir mit aller Entschiedenheit ab.

HEINERTOWN: Mehr als 9.000 Darmstädter Bürger haben bisher Ihren Aufruf zum Schutz der Mathildenhöhe unterschrieben. Es dürfte wohl die größte Bürgerbewegung gewesen sein, die es jemals in Darmstadt gegeben hat.

ZITZMANN: Die Größte vielleicht nicht, sicher aber die Erfolgreichste. Gerade dieser Tage schaue ich öfter zurück und wenn ich bedenke, wie vor circa eineinhalb Jahren alles anfing und was daraus erwachsen ist: irre. Ich habe seinerzeit die Entwicklung in Sachen Museum Sander zwar über die Medien und meine politischen Kontakte verfolgt und war doch wie vor den Kopf geschlagen, als ich den Siegerentwurf sah. Entsetzen, Wut und Ohnmacht habe ich empfunden. Und dann dieses Gefühl aufstehen und meiner Heimatstadt ihr Jugendstil-Ensemble erhalten zu müssen, diese einzige ‚Erinnerungsinsel‘, die uns trotz des Krieges und der schlimmen Zeit der Abrissbirnen in den 50er- und 60er-Jahren erhalten geblieben ist. Wenn Sie wollen, können Sie sagen: „Der Zitzmann, der konnte nicht anders“.

HEINERTOWN: Sie wurden dann ja auch sehr schnell von prominenten Darmstädtern unterstützt.

ZITZMANN: Im Grunde ging der Aufschrei durch die gesamte kulturinteressierte Bevölkerung. Als Gründer und Vorsitzender der Bürgerinitiative habe ich allerdings schnell erkannt, dass es Prominenz oder besser gesagt Experten braucht, wenn man etwas kippen möchte, das schon lange und mit den Stimmen von 99,9 Prozent der Stadtverordneten beschlossen worden war. Ich habe deswegen nach der Gründung der Bürgerinitiative rasch einen Beirat initiiert und auch Experten wie Dr. Feldmann, Theo Kanka, Bernd Krimmel und Professor Oppermann hinzu gebeten, die aufgrund ihrer profunden Kenntnisse plausibel darzustellen vermochten, warum ein Museum Sander am Fuße des Ernst-Ludwig-Hauses niemals gebaut werden darf.

HEINERTOWN: Ex-Oberbürgermeister Walter Hoffmann hat im vergangenen Herbst schließlich versucht, durch sogenannte Fachforen den Dampf aus dem Kessel zu nehmen. Am Ende wurde vorgeschlagen, das Museum weiter unten am Südhang, nämlich am Eugen-Bracht-Weg, zu bauen. Dieser Vorschlag wurde von vielen Darmstädtern sehr beifällig aufgenommen.

ZITZMANN: Dieses Konzept stand auch auf unserer Agenda und wurde wenige Tage vor besagtem Fachforum in ersten Sondierungsgesprächen mit den Eheleuten Sander diskutiert. Allerdings war diese Idee konzeptionell noch unausgereift und hätte einer Ausarbeitung bedurft. Der unabgesprochene Vortrag dieses Vorschlages durch die sogenannte „Dreierbande“ hat dieser Idee geschadet, zumal sie von politischer Seite eher als Kotau vor den Eheleuten Sander, denn als echte Kompromisslösung verstanden wurde.

HEINERTOWN: Mittlerweile steht fest, dass es auch dort kein Museum Sander geben wird. Die Landesdenkmalschützer haben ein Museum am Eugen-Bracht-Weg abgelehnt.

ZITZMANN: Wir haben uns sehr darüber gewundert, dass sich der Landesdenkmalschutz zu diesem frühen Zeitpunkt bemüßigt fühlte, ein Statement in dieser Sache abzugeben. Vielleicht war dies ja politisch oder von der unteren Denkmalschutzbehörde, respektive Herrn Heiss, initiiert, wer weiß? Fakt ist, dass der Ablehnungsgrund - dass dort nicht gebaut werden darf, weil dort nie ein Gebäude stand - schlichtweg Unsinn ist. Unter den Architekten und Stadtplanern der Bürgerinitiative hat dieses Argument zu großer Heiterkeit geführt, denn wo man bauen möchte, das wissen wir doch, wird einfach entsprechendes Recht geschaffen. Denken Sie nur an den Südhang der Mathildenhöhe. Dort hat Nikolaus Heiss kurzerhand den denkmalgeschützten Hartung-Brunnen zum „Wanderbrunnen“ und eine öffentliche Grünanlage zum Baugrundstück für das Museum Sander deklariert. So wird Denkmalschutz als Deckmantel und je nach Interessenlage missbraucht und verliert darüber seine Glaubwürdigkeit. Hier das Verbot eines Baus am Eugen-Bracht-Weg, dort eine Galerie Sander, eine Villa Pohl und ein Museum Sander inmitten eines Jugendstil-Ensembles. Das nenne ich nicht Denkmalschutz, sondern eine gottserbärmliche Farce.

HEINERTOWN: Sie haben sich auch mit dem Ehepaar Sander zu Gesprächen getroffen. Mittlerweile haben sie keine Wahl, entweder die Stifter bauen ihr Museum am Osthang oder gar nicht. Fänden Sie es traurig, wenn die Sanders das Projekt aus diesem Grund beerdigen würden?

ZITZMANN: Aber ja. Wissen Sie, wie auch immer man zu den Sanders stehen mag, darf man doch nicht verkennen, dass diese ein gutes Gespür für Kunst und eine hervorragende Sammlung zusammengetragen haben. Ohne jeden Zweifel wäre deren Rückzug ein Verlust für Darmstadt. Ich glaube allerdings auch, dass ein Museum Sander mit seiner thematischen Beschränkung auf die Darmstädter Malerei des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts nur im Verbund mit der städtischen Sammlung gleicher Zeit funktionieren kann, was aufgrund des daraus entstehenden Platzbedarfes auch für den Osthang spräche. In einem persönlichen Gespräch habe ich Herrn Sander, zu dem ich übrigens trotz aller Differenzen eine seit zehn Jahren ungebrochen gutes Verhältnis habe, gebeten, dass er doch ‚größer‘ denken möge. Weg von der kleinen Parzelle am Südhang, hin zu einem richtigen, einen großen Museum. Dies ginge, wenn es überhaupt auf der Mathildenhöhe stehen muss, natürlich nur am Osthang. Übrigens, um auch das Mal zu sagen, finde ich es grundsätzlich nachvollziehbar, wenn sich Menschen mit viel Geld ein Eigendenkmal setzen wollen. Das kulturelle Erbe der Menschheit ist beredtes Zeugnis von Eigendenkmalen. Von mir aus dürften Sanders gerne den hässlichen Kärgel-Bau zur Linken des Landesmuseums wegsprengen und dort ein Museum errichten.

HEINERTOWN: Letztlich haben Sie nicht nur ein Gebäude verhindert. Sie haben auch maßgeblich dazu beigetragen, die 65 Jahre währende SPD-Herrschaft in Darmstadt zu beenden.

ZITZMANN: Wollten wir jetzt schon das Wirken der Bürgerinitiative ‚SOS Mathildenhöhe‘ resümieren, gälte es festzustellen, dass wir in der Tat nicht nur ein Museum Sander am Südhang der Mathildenhöhe verhindert, sondern auch maßgeblich zu einem Politikwechsel in Darmstadt beigetragen haben. Zweifelsohne hat Partsch einen nicht unerheblichen Teil seiner Stimmen unserem Engagement und unserer Wahlempfehlung zu verdanken. Denken Sie aber auch an die städtische Sammlung, die erst in diesem Kontext wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt ist und nun endlich, nachdem sie über viele Jahre durch unsachgemäße Lagerung und wohl auch den ein oder anderen Diebstahl dezimiert wurde, von einem eigens bestellten Kurator erfasst und aufgearbeitet wird. Das für mich wirklich Faszinierende ist allerdings die wunderbare Erkenntnis, wie sehr sich bürgerschaftliches Engagement lohnt und es sich auszahlt, die Stimme zu erheben und zu kämpfen! Noch aber sind wir nicht am Ziel und es liegt noch ein gehöriges Stück Arbeit vor uns. Ich setze allerdings große Hoffnung in die grünschwarze Regierungskoalition und falls dies wider Erwarten doch nicht funktioniert, na, dann werden wir eben in fünf Jahren eine eigene Partei gründen und es selber richten. Es geht einem ja wie dem ollen Luther, hier steht man, man kann nicht anders, Gott helfe einem, Amen.

HEINERTOWN: Herr Zitzmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.